Hartz-4-Frust - Vorteil fuer Linkspartei
15. Mai 2007 | Von Politics | Kategorie: NewsWestdeutsche Zeitung zur Linkspartei
von Alexander Marinos
Manchmal wiederholt sich Geschichte eben doch: 1979 hatte der Einzug der Grünen in die Landesparlamente seinen Anfang in Bremen genommen. 28 Jahre danach könnte der beachtliche Bremer Wahlsieg der aufgehübschten SED/PDS, die sich mittlerweile Linkspartei nennt, der Anfang vom Ende des Vier-Parteien-Systems in ganz Deutschland sein.
Der weit verbreitete Hartz-IV-Frust hat ein Ventil gesucht und gefunden. Schließlich waren es vor allem die Arbeitslosen in Bremen, die die so genannte Linke gewählt haben - jene also, an denen der Aufschwung schwungvoll vorbeischwingt.
Nun könnte man hoffen, es handele sich um ein vorübergehendes Phänomen. Hüben wie drüben wirkt die Linkspartei eher grau und miefig. Im Osten dominieren die alten SED-Kader; im Westen begegnet einem das Konzentrat dessen, was einst als Engelen-Keferisierung der Republik verspottet wurde. Dem Bremer Spitzenkandidaten Peter Erlanson, den sie in der eigenen Bundestagsfraktion verächtlich Robinson Crusoe nennen, möchte man am liebsten in Beckscher Manier Seife und Rasierzeug in die Hand drücken und ihn daran erinnern, dass wir das Jahr 2007 schreiben. Anders als vor drei Jahrzehnten dürfen heute auch linke Politiker gepflegt aussehen und einen Anzug tragen. Und doch geht eine enorme Anziehungskraft von der Linken aus. Mit ihrem rückwärtsgewandten Sozialpopulismus spricht sie jene Menschen an, die im Sozialstaat alter Prägung aufgewachsen sind. Es geht nicht um die heute 20- oder 30-Jährigen. Es geht um die 40- bis 60-Jährigen, für die Hartz IV wie eine Rutschbahn in die untersten Etagen der Gesellschaft wirken kann.
Diese älteren Jahrgänge lassen sich nicht so einfach von jungen Radikalen einfangen, die Antifa-Sticker tragen. Mit denen können sie sich gar nicht identifizieren. Sozialkonservative dagegen, und genau darum handelt es sich bei der Linkspartei, treffen den richtigen Ton. Wenn die dann auch noch auftreten wie Lafontaine oder Gysi und nicht so Henrico-Frank-mäßig wie Erlanson, dann liegt ihr Potenzial dauerhaft bei deutlich mehr als acht Prozent.
Vor allem die SPD muss sich warm anziehen. Sie wird weiter Stimmen verlieren - schlimmstenfalls ihre Einheit. Die Rot-Rot-Debatte hat schon begonnen. (”Westdeutsche Zeitung”)